Montag, 29. Oktober 2012

Orson Scott Card "Das große Spiel" (Ender´s Game)



Nach einige guten und zuletzt eher mittelmäßigen Büchern der TOP 100 Science Fiction und Fantasy-Literatur habe ich in knapp 1 1/2 Tagen ein ganz und gar großartiges Buch gelesen, den Roman "Ender´s Game" von Orson Scott Card. Bereits 1977 hatte Card eine Geschichte mit gleichem Titel verfasst, die er später noch überarbeitete und für die er 1985 mit mehreren Preisen versehen wurde.

Es geht um die Geschichte eines Jungen (Ender Wiggins) der hochbegabt ist, weil er in einem langjährigen Genprojekt quasi gezüchtet wurde. Auf Grund seiner Eigenschaften wird er schon im Alter von 6 Jahren auf eine Art Militärschule geholt. Vorher wurde er lange Zeit über einen Monitor beobachtet. Die Militärs suchen nach einem Strategen, der die Erde gegen die "Krabbler" einer insektenartigen Alienspezies verteidigt. Und so setzt sich das Züchtungsprogramm unbarmherzig fort.

Das Buch ist brutal, das Buch ist pervers, das Buch ist großartig. Für mich ein einziges Pamphlet gegen den Krieg, gegen militärischen Drill und unbedingten, blinden Gehorsam. Ein Buch über Manipulation, Macht über Individualität und Freiheit. Die Figuren im Buch sind so wunderbar gezeichnet, man will weinen vor Mitleid, vor Schmerz, der den Kindern angetan wird. Man will einschlagen auf dieses perfide, total entmenschlichte System. Die Geschichte geht einem aber nicht nur wegen der guten Figurenzeichnung/ -führung und dem spannenden Plot nahe, sondern auch wegen der zuweilen beklemmenden Beschreibung der Umwelt und (Kampf-) Räume. Ohne viele Worte gelingt es Card die Plätze in seinem Roman unangenehm werden zu lassen, man fühlt förmlich, wie man selbst unter solchen Umständen degenerieren würde und wie schwer es wäre sich dem entgegen zu stellen, zumal wenn man gerade 6 Jahre alt ist.

Der Roman hat viele Preise gewonnen, ist aber auch hart kritisiert worden. Erfreulich an der deutschen Neuauflage ist, dass im Vorwort des Verlages und dem des Autors selbst darauf eingegangen wird. Zur Sprache kommt der mormonische Hintergrund Cards, der in dem Roman nur an wenigen Stellen in Äußerungen zu Religion im Allgemeinen zur Sprache kommt. Aber auch, dass das Buch in einigen amerikanischen Militärschulen zur Grundausbildung gehört. Dem Autor wird oft ein Hang zum Militarismus vorgeworfen.

Ich kann das nicht nachvollziehen. Natürlich wird ausgiebig über Militärstrategie geredet. Im ganzen Buch kann ich aber nicht eine Figur finden, die in Bezug auf Armee und Krieg positiv besetzt ist. Insofern läuft die Kritik für mich ins Leere. Aber natürlich, der Kontext eines Buches und was daraus am Ende für den Leser wird, entsteht im Kopf dessen und seiner Rezeption. Will ich deshalb, dass solche Bücher nicht mehr geschrieben werden? Nein, ganz und gar nicht. Solche Bücher sind wichtig, denn sie halten uns den Spiegel vors Gesicht. 1977 geschrieben und die Geschichte ist heute noch so aktuell wie damals. Die USA waren gerade im Vietnam-Krieg, das Wettrüsten nahm seinen Lauf. Seit dem hat sich einiges geändert, aber immer noch werden Jungen und Mädchen, Männer und Frauen in den Krieg geschickt, Menschen manipuliert und beeinflußt. Also Ihr Autoren dieser Welt, schreibt mehr solche Bücher. Bringt uns zum Nachdenken, mahnt uns!

Und passend zum Thema: http://www.youtube.com/watch?v=KjNJmwwf7QA  Wake me up, when september ends...

Eine Hintergrundinformation für Liebhaber von alten Computerspielen. Der Mann ist echt lustig... Ihr erinnert Euch an die witzigen Dialoge von The secrets of Monkey Island... hat Orson Scott Card geschrieben.

Terry Brooks "Die Legende von Shannara" Band 1 und 2

Reingefallen. Auf der Liste der 100 besten Fantasy und Science Fiction-Romane steht Terry Brooks „The sword of Shannara“. Auf der Suche nach dem E-Book habe ich aber „Die Legende von Shannara“ runtergeladen. Dabei handelt es sich um einen der Nachfolgeteile, die gerade auf dem Markt sind. Der 2. Teil ist im Oktober 2012 in Deutschland erschienen. „The sword of Shannara“ soll ein Genreklassiker sein. Nun, vielleicht werde ich den auch noch lesen, wenn er in der deutschen Übersetzung erscheint. Zu den beiden Legenden-Büchern kann ich nur eingefleischten Fantasy-Fans raten, die gerade nichts Anderes zu lesen haben. Viel Neues gibt es da nämlich nicht zu entdecken. Es gibt eine Barriere die fällt (hatten wir schon in „Legend of the Seeker“). Geschützt hat diese bislang Menschen, Elfen, Spinnen und Echsen (Grundinventar von Fantasy-Geschichten) vor der Außenwelt, die sich in einer Art Endkampf selbst vernichtet hatte. Übrig geblieben sind dort Gift, Ödnis, Mutanten und um das Überleben kämpfende Kreaturen unterschiedlicher Spezies. (Verweise also auf Wüstenplanet, die Turmbücher und auf Charles Darwin... ) Diese fallen nun über die geschützte, heile Welt her. Rettung kommt von dem Stabträger und der Elfenprinzessin (ach ja Drachen gibt es auch noch). Es ist alles routiniert geschrieben. Bei mir kam aber keine rechte Begeisterung auf. Die Dialoge sind teilweise ziemlich hölzern und die Charaktere zu holzschnittartig beschrieben. Ich bin mit der Geschichte nicht richtig warm geworden. Es gab auch zu wenig Überraschendes. Allerdings will ich zu Gunsten des Buches anmerken, dass sie nicht so aufgeblasen ist, wie die letzten Eragon-Teile. Die Geschichte ist spannend genug, ich werde auch auch die Teile, die noch folgen werden, lesen. Fazit: routinierte Fantasy-Literatur, für Genrefans geeignet!

Sonntag, 21. Oktober 2012

Peter S. Beagle, Das letzte Einhorn




Auch in der Fantasy-Literatur gibt es Bücher, die sich und ihre Helden unheimlich ernst nehmen und dann gibt es die, die ihre Geschichte mit einem Augenzwinkern erzählen. Das letzte Einhorn ist so eine letztere Geschichte.
Ich war ehrlich gesagt etwas erstaunt, als ich das Buch von Beagles auf der TOP 100-Liste fand. Dann hatte auch noch der von mir verehrte Patrick Rossfuss es seinen Lesern ans Herz gelegt. Inzwischen habe ich es gelesen und kann es sehr nachvollziehen.

Die Grundgeschichte kennt wahrscheinlich seit der Disney-Verfilmung jeder. Das letzte Einhorn wird gewahr, dass es allein ist und macht sich auf die Suche nach seinesgleichen. Dabei erlebt es viele Abenteuer und trifft Wesen mit reinem Herzen. In den 70 er Jahren geschrieben, steckt auch noch eine Menge "man sieht nur mit dem Herzen gut" - Philosophie drin. Auf den ersten Blick ein wenig langweilig. Ist das Buch aber gar nicht. Natürlich muss man sich auf die Geschichte einlassen und das viele Rosa, Hellblau und den Glitter der einem unwillkürlich durch den Kopf spukt, verdrängen. Konzentriert man sich auf die Essenz der Geschichte, macht es richtig Spass. Sie ist nämlich wirklich witzig. Kleine feine ironische Dialoge, putzige Figuren, die geradezu subversiv sind, eine gewisse Naivität, die ruft: aber der König ist doch nackt! Sehr lustig!
Es ist also eine wunderbare Familiengeschichte. Kinder werden die kunterbunte, reine Welt lieben, Eltern den Hintersinn dabei. Lest es Euch am Sonntag beim Tee laut vor, Ihr werdet Spaß haben.

Sonntag, 14. Oktober 2012

George R.R. Martin " Das Lied von Eis und Feuer"


Hat man Sean Bean als Eddard Stark in der Fernsehserie "Game of Thrones" gesehen, kann man sich die Figur nicht mehr anders vorstellen. Auch die Mauer aus Eis ist phantastisch getroffen. Aber diese Bilder wären für mich gar nicht nötig gewesen. Martin entwirft ab der ersten Seite einen Epos, dem Fantasy-Fans nicht widerstehen können. Natürlich sind die Zutaten nicht neu: da sind die edlen Helden, wahre Ritter denen Ehre und Familie noch etwas bedeuten. Es gibt die richtig fiesen Bösewichte, holde Maiden, dreiste aber kluge Marketenderinnen, und exotische Schönheiten. Alle haben miteinander wahlweise schmutzigen, wilden oder leidenschaftlich, romantischen Sex. Es wird viel intrigiert, geliebt, gehasst, gekämpft, gestorben und gefroren. Das alles reicht mir als gute Zugfahrunterhaltung nach der Arbeit schon aus, vor allem, wenn es in ordentliche Sätze und Dialoge gehüllt ist. Besonders an der Geschichte ist für mich, dass vieles nicht vorhersehbar ist. So stirbt einer der großen Helden und starken Figuren der Geschichte bereits im letzten Drittel des ersten Buches. Das ist eben wie im richtigen Leben, da sterben die Guten auch oft viel zu früh. Man bleibt als Leser dennoch bei der Geschichte. Der EINE Held ist bei einer so dichten Erzählung gar nicht unbedingt notwendig.

Inzwischen gibt es 10 Bände über das Spiel der Throne. Natürlich verfällt auch George R. R. Martin den Verlockungen des Geschäftes. Von Buch zu Buch gibt es mehr Personen, die Detailtiefe nimmt zu. Nicht alle fesseln, manches ist redundant. Das nervt und schmälert das Lesevergnügen. Gerade bei den Mittelbänden wäre weniger mehr gewesen. Es kann allerdings sein, dass sich die englische Originalausgabe besser liest. Da sind nämlich erst 5 Bücher erschienen. In Deutschland hat sich der Verlag entschieden, diese in 10 Bände aufzuteilen.

Fazit: Für mich trotzdem eine wunderbare Saga, die zu Recht ihren Platz in den TOP 100 de Fantasy-Literatur gefunden hat. Jetzt heißt es wie bei Kvothe und Sonea und Sooki ... waiting sucks!

Sonntag, 23. September 2012

Neil Gaiman "American Gods"



Vor einiger Zeit hatte ich mir vorgenommen, die TOP 100 der SF- und Fantasy-Literatur durchzulesen. Nun es ist wie mit anderen Listen (siehe TOP 100 Singer-Songwriter), nicht alles trifft bei genauerer Betrachtung meinen Geschmack. Deshalb werden es am Ende nicht 100 Bücher werden, ein paar werde ich einfach weglassen, andere zufügen.

Eines der Bücher auf das ich mich gefreut hatte, ist Neil Gaimans " American Gods". Der von mir sehr verehrte Patrick Rothfuss hatte diesen Roman seinen Lesern sehr ans Herz gelegt. Zu Recht.

Hier geht es nicht um Fairytales, mit Elfen, Magie und strahlenden Helden. Der Roman beginnt in einem amerikanischen Gefängnis. Während der nächsten 600 Seiten werden wir die USA nicht verlassen und auch nicht die Gegenwart. Wobei so ganz richtig ist das nicht. Neil Gaiman gibt uns nämlich eine Einführung in nordamerikanischer Mythologie. Das heißt, wir reisen gedanklich nicht nur ins alte Europa sondern auch nach Australien, Indien und Asien. Dabei tauchen Zwerge und Kobolde ebenso auf wie Fruchtbarkeitsgöttinnen und  Sibirische Wahrsagerinnen. Auch die Götter der Neuzeit (Internet, Fernsehen...) nimmt er sich vor. Und vor allem die Zustände in Amerika. So wird dieses Stück Fantasy nicht nur ein Lehrbuch der Mythen, die unsere Werte und Kultur beeinflusst haben, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem was wir jetzt sind.

Ein Mann, der nicht zufällig Shadow heißt, wird nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Auf dem Weg nach draußen erfährt er nicht nur, dass seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, sondern auch, dass sie ein Verhältnis mit seinem besten Freund hatte. Plötzlich steht er vor dem Nichts. Ob das, was dann folgt, diese wilde Mischung aus Roadmovie, Traum- und Seelenwanderung, Realität ist oder nicht, weiß nur der Autor selbst.  Fantasy-Fans werden sich sicher einfach und bereitwillig darauf einlassen, dass Odin als Mr. Wednesday im weißen Anzug tatsächlich auftaucht und die große Schlacht der alten gegen die neuen Götter eben stattfindenden muss. Diejenigen, die in dem Buch eher einen Thriller sehen wollen, werden nach der Droge der Wahl suchen, die solche rasanten Einblicke ins Ich ermöglicht. Wie auch immer man die Geschichte verorten mag, sie ist in jedem Fall gedankenvoll, intelligent, pointenreich und spannend. Einmal angefangen, kann man das Buch nur schwer aus der Hand legen.

Im Klappentext wird auf Stephen King verwiesen. Das hat mich etwas abgeschreckt, weil ich den eigentlich nicht mag. Bezug genommen wird dabei aber wohl weniger auf "Shining" als auf die "Türme"-Bücher. Das wiederum passt schon.
Meine Einschätzung: Lesen!

Mittwoch, 8. August 2012

Die 100 besten Singer/Songwriter des Rolling Stones

So eine kleine Krankheitauszeit ist für so einiges gut. Bücher lesen, Facebookseiten anlegen und Musik hören. Heute fiel mir die Augustausgabe des Rolling Stone in die Hände. Dort finden sich die nach Ansicht der Redakteure besten 100 Singer/Songwriter. Weil ich heute mal Zeit hatte, habe ich daraus eine Liste auf Spotify zusammengestellt. Wer reinhören möchte, kann das gern auf meiner Spotify-Seite machen. Insgesamt sind 11 Stunden Musik zusammengekommen. Mir ist sie ja nicht ganz ausgewogen. Sehr viel Bob Dylan (ok der hat auch viele gute Sachen geschrieben) zu wenig Tom Waits und überhaupt keine deutschen und französichen Sachen. Das finde ich etwas ungerecht. Es sind einige Sachen dabei, die bislang völlig missachtet habe. Zum Beispiel der wunderbare Künstler Jeff Buckley, der leider viel zu früh gestorben ist. Uns aber seine atemberaubenden Aufnahmen von "Grace" hinterlassen. Absolut hörenswerte Songs "Grace", "Lilac Wine" und "Halleluja". Bald kommt für mich der Urlaub und ich werde meine eigene Liste aufstellen. Listen machen, wunderbar!!!

Yassin Musharbash, Radikal


Yassin Musharbash, Radikal


Ich hatte Radio 1eingeschaltet,  mitten in der Woche an einem Nachmittag. Normalerweise höre ich gar nicht richtig zu, maximal fällt mir mal ein guter Song auf. An diesem Tag aber blieben meine Ohren „hängen“. Zu Gast war der Autor des Buches „Radikal“, Yassin Musharbash. Ich war begeistert und so kam es, dass ich einen Krimi gelesen habe...

Krimis lese ich überhaupt ja nur ausnahmsweise. Dieser hier hat dann auch alles, was ich für Lesevergnügen brauche. Es geht um Politik. Um sehr aktuelle Politik in Deutschland. Und es gibt eine gute Finte in der Finte. Kein Schwarz-Weiß und auch keinen Gärtner.

Endlich wird ein Vorzeigemuslim in den Bundestag gewählt.  Diese Umgebung wählt der Autor mit Bedacht, er kennt sich aus im politischen Geschäft, hat selbst als Mitarbeiter bei den Grünen gearbeitet. Der Bundestagsabgeordnete Lutfi Latif hat viel vor, will die deutsche Islamdebatte neu befeuern. Dabei gerät er ins Fadenkreuz von Radikalen. Während einer Fernsehaufnahme wird er ermordet. Das Terrornetzwerk al-Qaida bekennt sich zu dem Anschlag. Klingt erst mal so, als könnte das morgen bei uns in Deutschland tatsächlich passieren. Aber kann es nicht auch anders gewesen sein, gibt es nicht auch Radikale auf der anderen Seite, die gar kein Interesse daran haben, dass der Islam in Deutschland seinen Platz hat? Ob und wie es sich tatsächlich verhält, dazu ermittelt der Terrorexperte Samuel Sonntag. Wie der Autor selber treibt dieser sich in den web-Netzwerken von Islamisten herum. Musharbash überzeugt auch hier durch seine glaubhafte Schilderung. Nebenbei arbeitet er sich an der Sarrazin-Debatte ebenso ab, wie an Klischees über den Islam in Deutschland und die Radikalisierungstendenzen auf beiden Seiten. Ganz nebenbei berichtet er auch noch aus dem Alltag einer großen, glänzenden Wochenzeitschrift. Man schüttelt sich immer mal wieder und denkt,  die ein oder andere Person oder Geschichte der jüngsten Vergangenheit wieder zu entdecken.

Das alles ist politischer Diskurs vom Allerfeinsten. Die Geschichte verliert an keiner Stelle ihre Glaubwürdigkeit und Schnelligkeit.

Hoffentlich ist das nicht das letzte Buch von Yassin Musharbash.

Und so sehen das die Profis: http://www.perlentaucher.de/autor/yassin-musharbash.html 

Sonntag, 29. Juli 2012

David Cronenberg "A History of Violence" Es gibt ein paar Regisseure, deren Filme schaue ich auf jeden Fall. Steven Soderbergh, die Coen-Brüder, David Fincher, Christopher Nolan, Buz Luhrmann, Joss Whedon und eben David Cronenberg. Was für geniale Kinoerlebnisse mir Cronenberg schon gebracht hat: Naked Lunch, Crash, eXistenZ, Eastern Promises. Immer irgendwie unheimlich, geradezu ekelig. Immer inhaltlich, stilistisch und optisch eine Herausforderung. Nach dem Kinoerlebnis muss der Kopf einfach weiterarbeiten.Wohlfühlen verboten. So auch bei "A History of Violence". Basierend auf einer Grafic Novel erzählt Cronenberg die Geschichte von Tom Stall. Der lebt in einem kleinen Kaff in Amerika. Arbeitet in einem Diner und erfreut sich an seiner dörflichen Gemeinschaft, seinen Kindern und seiner Frau. Beide lieben sich heiß und innig (sehr schön die Oralsexszene). Das ist so nett anzusehen, pure Idylle. Man weiß bei all dem schon, das kann so nicht bleiben. Er rettet beherzt bei einem Überfall seinen Angestellten das Leben und öffnet damit eine Tür, die er schon vor vielen Jahren geschlossen hatte. Sein altes Leben meldet sich zurück und das ist so ziemlich das komplette Gegenteil von dem jetzigen. Weil er seine Familie und sein Dorf so liebt, setzt er sich zur Wehr. Und die Geschichte nimmt ihren brutalen Lauf. Wir bekommen viel zu sehen und zu denken. Natürlich gibt es die amerikanische Idylle nicht, schon in der Schule geht es mit der Gewalt los. Da ätzt der Sunnyboy gegen einen etwas weicher wirkenden Jungen, der physischem Stress lieber aus dem Weg geht. Da heiratet der Koch seine Freundin, obwohl sie ihm eine Mistgabel in die Schulter gerammt hat. Die ab der Mitte präsentierte Gewalt hat etwas Tarantino-haftes, man hört das Knacken von gebrochenen Knochen, Blut spritzt und sickert. Da wird schon zitiert und auch karrikiert. Es wird uns nichts verheimlicht. Wir müssen das aber auch sehen, denn wir sind Mittäter. Man ist abgestoßen von der Gewalt und dennoch ist es nicht so einfach auf Anhieb eine Alternative parat zu haben. Ich will schon, dass Tom Stall all diese Gestalten beseitigt. Schließlich muss er seine Familie beschützen... Das jedenfalls sehen wir jeden Tag im Fernsehn. Cronenberg zeigt uns auch, was im Anschluss kommt. Wenn die Kugel ihr Ziel getroffen hat. Wie verändern sich Beziehungen, was wird unter den Teppich gekehrt, kann es dann noch Normalität geben und was genau ist das eigentlich? Die Schlussszene rührt einen zu Tränen und ist ein Kontrastprogramm zu der Eiseskälte mit der Tom Stall seine Gegner beseitigt. Er kommt zurück in seine Familie und er schaut in die Augen seiner Frau und sucht nach der Liebe. Schnitt. Ob er zurück kommen kann oder die Familie auseinander bricht? Das alles sehen wir nicht mehr. Das hätte Zeug für einen weiteren spannenden Film... Unbedingt anschauen!!!

Sonntag, 8. Juli 2012

Jonathan Franzen "DIe Korrekturen"

Die ersten hundert Seiten nerven. Ich habe mich durchgequält. Eigentlich unklar, denn man ist gleich drin in der Geschichte einer amerikanischen Familie. Mutter, Vater, 3 Kinder. Leider ist der Vater dement und die Mutter experimentiert mit Drogen (unabsichtlich), die Kinder haben alle Problem (wer hat die nicht). Irgendwie sind sie alle damit beschäftigt irgendwas zu korregieren. Aber es will nicht gelingen, immer wieder gibt es Brüche, Verletzungen, Wunden bis zum letzten gemeinsamen Weihnachtsfest. Der Vater ist da schon so krank, dass er sich nur noch fragmentarisch an sein Leben erinnert. Alles steuert auf die vollständige Zerstörung dieser Familie zu und sie ist dann auch die letzte Korrektur. Es gibt großartige, unglaublich weise Passagen, die unsere westliche Welt erklären in aller ihrer Zerstörungswut und Verlorenheit.

Freitag, 29. Juni 2012

Alan Bennett "Die souveräne Leserin"

 Nicht die erste Buchempfehlung von Denis Scheck, die ich aufgegriffen habe (allen, die gern Bücher lesen, sei sein Podcast "Druckfrisch" empfohlen). Er behauptet, wenn er ein Buch zum Lesen empfiehlt, zu wissen was er tut. Recht hat der Mann, bislang bin ich noch nicht reingefallen.
"Die souveräne Leserin" ist ein entzückendes Buch, sehr britisch, voller Humor und mit vielen Empfehlungen für neue Bücher. Auf dem Cover schaut uns eine verschmitzte Queen an und so ist auch die kleine Geschichte. Sie wird uns geradezu sympathisch, die alte Dame. Am Liebsten will man sich mit ihr in die Bibliothek zurückziehen und über Bücher schwatzen.

Für Bücherwürmer!

Mittwoch, 13. Juni 2012

Daniel Glattauer "Gut gegen Nordwind"

Noch keine Idee welches Buch mit in den Sommerurlaub soll? Mit "Gut gegen Nordwind" kann man nichts falsch machen. Eine Freundschafts-/Liebesromanze als E-Mail-Roman, das ist irgendwie zeitgemäß auf unschnulzige Art und Weise. Leicht und locker liest man sich in die Bekanntschaft von Emma und Leo hinein. Die Mails kommen einem sofort vertraut vor, hat man so etwas nicht selbst auch schon geschrieben?! Wie die beiden sich annähern, sich getrennt voneinander gemeinsam vor dem Computer betrinken, miteinander flirten... das ist glaubhaft geschildert. Auch die sich entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden, die Möglichkeit einem eigentlich völlig Unbekannten alles anvertrauen zu können, ist überzeugend. Das alles ist kein "großer Roman", vielleicht macht es deshalb so viel Spass. Glattauer versteht etwas von seinen Protagonisten und davon, wie heute Kommunikation funktionieren kann. Gutes Buch. Und mal wieder danke für den Tip, liebe Clara. Mein Lieblingssatz: "Nach fünf Jahren Gegenwart ohne Zukunft habe ich endlich in die Mitvergangenheit gefunden."

Montag, 9. April 2012

Andrew Davidson "Gargoyle"

Eine Geschichte über die Liebe. Zugegebener Maßen über eine ungewöhnlichen Liebe. Die begann irgendwann im Mittelalter, 1300 in der Nähe von Nürnberg. Wir erfahren viel über diese Zeit, über erstaunliche Frauen, die in Klöstern Bücher schrieben und Gott huldigten. Wer aber glaubt, das Buch sei ein Mittelalterroman, der irrt. Denn eigentlich spielt er im Hier und Jetzt. Verwirrend? Ja irgendwie schon, findet auch der Erzähler, der zu Beginn der Geschichte in seinem Auto verbrennt. Er hat eine schreckliche Vergangenheit (keine Eltern, Drogen, Porno) und keine Zukunft. Und dann trifft er im Krankenhaus, wo er mittels grausamer Proceduren "enthäutet" und wiederhergestellt wird, auf Marianne Engel. Die erzählt ihm Geschichten über die Liebe, über die wirklich große alles aufopfernde Liebe, mit der er so gar nichts anfangen kann. Er ist nur in seine süße Milch namens Morphium verliebt. Irgendwann begreift er aber doch.  Äußerlich entstellt, reinigt er sich innerlich und öffnet sich seiner Liebe. Na das ist es so in groben Zügen. Dazwischen rasante Trash-Passagen, bunte Beschreibungen der mittelalterlichen Mystik und Märchen aus aller Welt. Ach ja, Dantes Göttliche Komödie und Inferno spielen auch noch eine Rolle. Aber da ich das noch nicht gelesen habe (nur die wundervollen Stiche von Gustave Doré dazu kenne) konnte ich damit recht wenig anfangen und ich fürchte dadurch habe ich auch eine wichtige Ebene des Buches nicht verstanden. Macht aber nichts, hat dennoch Spaß gemacht. Liest sich schnell und gut weg.

Donnerstag, 5. April 2012

Kai Meyer "Die Sturmkönige-Triologie"

Teil 1 **** Manche Menschen lesen Krimis, ich lese Fantasy- oder wie man früher gesagt hat Abenteuerliteratur. Da musste ich früher oder später auf den Vielschreiber Kai Meyer stoßen. Mit "Dschinnland: Die Sturmkönige" legt er den ersten von drei Bänden vor. Er sagt selbst, er wisse vor dem ersten Satz schon genau, welche Struktur das Buch haben wird und wie die Charaktere sein werden. Solides Handwerk fällt mir dazu ein. Und so ließt sich auch das Buch. Flüssig, schnell und dabei nicht oberflächlich. Die Personen haben Ecken und Kanten, es gibt schöne Spannungsbögen, geschickt eingesetzte Erotik und ganz viel gute und folgerichtige Action. Da ist alles am rechten Platz und wenn die letzte Seite gelesen ist, will man ab in die Buchhandlung und den nächsten Band holen.

Teil 2 *** Lohnt sich, wenn man den ersten Teil gelesen hat und man wissen will, wie es mit Tarek, Sabatea und Junis weitergeht. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass ein wenig mehr Zeit bei der Bearbeitung dem Autor gut getan hätte. Der erste Teil war geschliffener. Dennoch werde ich auch den dritten Band lesen.

 Teil 3 ** Die Sturmkönige" kamen noch stürmisch daher. Bis zum 3. Teil hält der Autor aber leider nicht durch. Die Geschichte ist gewitzt, allerdings haben wir die Pointe in Prinzip bereits in 2. Teil gelesen. Und selbst wenn noch einige Details ergänzt werden, mir war es am Ende fast egal, was mit den Figuren passiert. Schade.

Bernhard Cornwell "Das letzte Königreich" und "Der weiße Reiter"

Die Bücher von Cornwell sind nicht umsonst Bestseller. Hier wird Geschichte auf lesbare und interessante Art und Weise vermittelt. Es gibt viel zu erfahren über die Dänen als Eroberer und die kulturellen Unterschiede der Heiden und Christen im 9. Jahrhundert. Symphatisch: es gibt kein Schwarz-Weiß, Gut-Böse. Kultur und Politik, Struktur der Gesellschaft, Religion und Alltag der Menschen sind in die Geschichte von Uhtred verpackt, der seinem Schicksal folgt. Obwohl Cornwell ganz oft den Ausgang von Episoden durch den Erzähler vorweg nimmt, bleibt man gern dabei, denn die Schilderungen an sich sind spannend und bildreich. Also ich lese auch den zweiten Teil...

Die Geschichte um Uthred geht weiter und man schlüpft wieder in seine Wikingerklamotten und reitet durch das alte Wessex. Ähm, ich war da noch nie... hm, das hat soviel Spaß gemacht, vielleicht sollte ich mal hin. Na vorher aber noch die anderen Teile lesen...
In diesem Band jedenfalls wird natürlich wieder viel gekämpft, ein wenig geliebt und auch gebetet. Odin und Co. sind mir dabei irgendwie sympathischer als Gott, Jesus und Maria. Kein Wunder die christlichen Priester und Mönche schneiden nicht gut ab. Kommt doch mal einer freundlich daher, ist er nur aus Hunger ("hast Du schon mal einen Priester hungern sehen..") oder niederen Erwägungen (Geld, Einfluss, Ruhm, Schutz vor den Dänen) zur Kirche gekommen.
Die "Flimmerfreunde" haben sich neulich in ihrem Podcast über 2. Teile unerhalten und sind der Frage nachgegangen, ob die eigentlich grundsätzlich besser oder schlechter sind. Hier liegt nun der 3. Teil vor, einer Geschichte, die üer das alte Britanien erzählt und die Auseinandersetzung mit den Nordmännern. In diesem Buch steckt mehr Fiktion als in den Vorgängern. Cornwell weist seine Leser darauf am Ende des Buches hin und gibt Auskunft, was erdacht und was auf historischen Fakten beruht. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ansonsten hat mich die Geschichte nicht mehr ganz so gefesselt, weil aber Form und Inhalt zueinander passen, lesen sich die Seiten schnell mit Spaß durch.

TOP 100 Science-Fiction und Fantasy Books



Die einen kochen sich durch ein Buch ("Mastering the Art of French Cooking" von Julia Child) andere lesen sich durch Listen. Ich habe beschlossen, andere zu sein.
Auf der Seite des von mir außerordentlich geschätzten Patrick Rothfuss http://www.patrickrothfuss.com/content/index.asp fand ich vor ein paar Wochen eine Liste der 100 besten Bücher aus Science Fiction und Fantasy. Die Nutzer von NPR haben abgestimmt und ihre besten Autoren und Werke ausgewählt (also nicht irgendwelche schnöseligen Kritiker).

Bald werde ich jeden Tag zwischen Rostock und Schwerin pendeln. Viel Zeit, um gemütlich zu lesen. Ideal also, diese Liste mal durchzugehen. Ich habe schon beschlossen, die Sachen durcheinander zu lesen. Einiges kenne ich auch schon. Auf jeden Fall lasse ich Euch teilhaben. Vielleicht mag ja auch noch jemand mitmachen :-)

Und hier der Link für alle die wissen wollen, was ich in den nächsten Wochen lesen und besprechen werde: http://www.npr.org/2011/08/11/139085843/your-picks-top-100-science-fiction-fantasy-books

West Wing - Die Tatort-Alternative


Die Liebichs haben eine neue Sonntagabendbeschäftigung. Wir schauen „West Wing“. Wir lieben die Serie, weil wir endlich verstehen, wie das politische System in den USA funktioniert. Wir lieben die schnellen Dialoge und die langen Kamerafahrten bei denen von einem Erzählstrang zum nächsten übergeschwenkt wird. Wir lieben die Personen, weil sie kaltschnäutzig, professionell und warmherzig und sorgsam füreinander da sind. Wir lieben die Serie weil wir leidenschaftliche Politiker in Aktion sehen, die um ihre Ideale kämpfen, ob im Großen oder im Kleinen. Wir fiebern mit ihnen und können gut nachvollziehen, wie man sich freuen kann, wenn eine Rede gut geworden ist, wenn ein Tagesordnungspunkt durchgesetzt wurde und auch wenn wie Welt mal wieder gerettet wird.

Andere Gründe, warum man die Serie noch unbedingt schauen sollte, erklären die Flimmerfreunde Bernd Begemann, Ben Schadow und Kai Otto. Und zwar hier: 



Montag, 2. April 2012

Nick McDonell "Ein hoher Preis"

Manche Menschen schreiben über Außenpolitik. ich lese drüber. Und zwar diesen hervorragenden Roman eines jungen amerikanischen Autors. Nick McDonell schreibt über eine Welt in der er sich auskennt. Wir bewegen uns zwischen dem Campus von Harvard, mit seinen Studenten und Dozenten, ihren Ritualen, Clubs und Geld einerseits und der kenianisch-somalischen Grenze mit Bürgerkrieg, Warlords und grausamer Armut andererseits. Wir merken schnell, es ist Betrug im Spiel. Menschenleben spielen dabei keine Rolle, denn es geht um Macht, Einfluss, Intrigen und Geheimnisse. Was da geschildert wird, ist furchbar. Auch deshalb, weil es uns jeden Tag aus der Zeitung anschreit. McDonell erzählt in klaren, schnörkellosen Sätzen und dennoch wird seine Geschichte sehr lebendig und bewegend. Immer wieder haben wir das Gefühl, unsere Helden springen gleich vom Dach und eine Verfolgungsjagd beginnt. Dem Autor gelingt es dennoch, nie ins Banale abzugleiten. Die "Action" bleibt immer glaubhaft.
Ein spannendes, nachdenkliches und bewegendes Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Sonntag, 1. April 2012

Suzanne Collins "Die Tribute von Panem"

Mit Hörbüchern ist es so eine Sache. Fast jeder erinnert sich sicher noch an die Schulzeit, wenn die Lehrerin vorn aus einem Buch vorgelesen hat und man einfach irgendwann eingeschlafen ist. Obwohl oft die Bücher spannend waren. Irgendwie ist eine Stimme monoton und irgendwann ...zzzz...zzzz...zzzz Es sei denn, man findet einen guten Sprecher. Gerd Wameling oder Dirk Bach haben beispielsweise großartige Einspielungen vorgenommen. Ihre Stimmen sind so wandlungsfähig. Das wird an dieser Stelle noch weiter zu besprechen sein. Eine fabelhafte und sehr farbige Stimme hat auch die Synchronsprecherin Maria Koschny. Sie leiht ihre Stimme Frauen wie Christina Ricci oder Jessica Biel. Sie nun hat sich die "Tribute von Panem" vorgenommen und macht ihre Sache ganz wirklich gut. Den unterschiedlichen Personen verschafft sie auch verschiedene Stimmen, mal ist es ein glockengleicher Klang, mal ist die Färbung richtig samtig, mal harter Stahl, mal frischer Wind. Damot wird diese Lesung zu einem wirklichen Vergnügen.
Die Geschichte selber ist etwas für Fantasy/Science Fiction-Fans. Einmal im Jahr werden vom Capitol die Hunger-Spiele abgehalten. So eine Art Dshungel-Camp, nur dass es dabei um Leben und Tot geht. Übrig bleibt nur einer, der Sieger. Er muss vorher alle anderen Teilnehmer töten. Die Teilnehmer werden wahrlos unter den Einwohnern der Districte ausgelost. Und wie es die Geschichte so will, regt sich Widerstand. Der wird durch die junge Katnis Everdeen ausgelöst.Über drei Teile entspinnt sich eine spannende Geschichte um den Befreiungskampf von einem totalitären System. Mir hat es viel Spaß gemacht und ich bin an keiner Stelle eingschlafen.

Nick McDonell "Zwölf"

Der letzte frenetische Jubel von Kritikern in Zeitungen brachte mir Helene Hegemann ein. Grrr, da schüttelt sich bei mir immer noch alles. Dennoch bin ich wieder in die Fänge der Vielleser geraten. Diesmal bin ich allerdings nicht enttäuscht worden. 17 Jahre alt ist Nick McDonell gewesen, als er sein Buch "Zwölf" geschrieben hat. Es ist erstaunlich. Mit einer brutalen Abgeklärtheit erzählt er nüchtern vom erbarmungslosen Leben der amerikanischen Elite und schlägt dabei ganz nebenbei die großen Themen an. Wer bin ich, wohin geh ich, wie funktioniert die Welt und wie komme ich da raus? Die Antworten sind trostlos, es gibt keine positiven Vorbilder, Drogen überall, Sex. Befriedigung bringt das nicht, dafür wuchernden Krebs. Tot, Verwüstung und der Blut-Rausch als letzte Rettung. Ausgerechnet der Dealer ist mir die sympatischste Figur, bleibt es bis zum Ende. Ich will, dass diese Welt ganz weit weg von meiner ist und weiß doch, sie ist es nicht. Und wie die Figuren im Buch muss ich meine Antwort finden. Großartig!
Der neue Roman liegt schon auf meinem Nachttisch...
Ach und wenn man dieses Debüt gelesen hat, weiß man wie gute Literatur klingen kann (mit Sex, Drogen und allem Pipapo) und der Hype um Hegemanns Schreibsel (sehr wahrscheinlich hat sie McDonell gelesen) ist noch ärgerlicher.

Helene Hegemann "Axolotl Roadkill"

Ich habe extra noch mal auf "Perlentaucher.de" nachgeschaut und keine Kritik in den letzten Wochen gefunden, die nicht begeistert vom Erstling Helene Hegemanns gewesen ist. Dann ist da natürlich noch der große Alarm um die Plagiatsvorwürfe. Ich kann beide Punkte nicht wirklich nachvollziehen. Durch das Buch habe ich mich eher durchgearbeitet als -gelesen. Die Geschichte der 16-jährigen Mifti, deren Vater und Umfeld "Höchststeuersatz hat", alle illegal verfügbaren Drogen konsumiert und Sex mit allem hat, was nicht schnell genug aus dem Weg geht... tja, berührt mich irgendwie nicht. Da ist von radikal, klug und wortgewaltig die Rede. Ist es immer noch radikal, wenn Sex, Drugs and RocknRoll in einem Satz vorkommen? Ist man schon klug, weil man mal keine lineare Geschichte erzählt? Und ja, wenn man Begriffe wie "Vaselintitten" wortgewaltig findet, dann ist Hegemann dies.

Zusammenhangslos, weil immer im Drogenrausch oder sowieso nicht von dieser Welt, reihen sich Volksbühnen-Sätze aneinander. Finde ich im Theater langweilig bis unerträglich und hier ebenso. Was nicht heißen soll, dass es da nicht auch ein paar famose Sätze und Passagen gibt. Die sind da und für eine 17 jährige sind sie auch wirklich beachtlich.

Damit bin ich bei der Frage, wieviel wirklich von diesem "Wunderkind" der deutschen Literatur stammt. Hegemann schreibt schon auf Seite 10, wie sie arbeitet. Sich Schnipsel aus allen Medien zusammensuchen, bearbeiten, neu setzen. Das kann Kunst sein, eigene Kunst (ob der Text, dem Anspruch gerecht wird, muss jeder selbst entscheiden). Am Ende dankt die Autorin dem Blogger namentlich. Sie hat kein Geheimnis gemacht, wo sie sich bedient hat (ok, es gibt keine Quellenangabe, aber es ist ja auch keine Diplomarbeit).
Also was bitte soll die ganze Plagiatsdebatte?
Ach ja, wir sollen das Buch kaufen!!!

Da kann ich nur sagen: Liebe Freunde, wenn ihr es unbedingt lesen wollt, bitte kauft es nicht, Ihr könnt es gern bei mir leihen.


Christoper Isherwood "Der Einzelgänger"

Manchmal haben Verfilmungen auch ihr Gutes. Ich wäre sonst nie und nimmer auf Christopher Isherwood gestoßen. "Der Einzelgänger" schaut mich mit dicker Hornbrille vom Cover an. Einer meiner liebsten Schauspieler gibt ihn in dem Fordfilm. Also schnell eingepackt.
Noch ganz eingenommen von McDonells "Zwölf" das ich gerade gelesen habe, muss ich nur 40 Jahre zurück gehen. Isherwood berichtet über die 60er Jahre in den USA. Der Krieg ist vorbei, die Männer sind zurück. Was sollen sie nun tun, um sich zu beweisen? Häuser bauen, Bäume pflanzen, Kinder zeugen, Krieg führen...? George hat das so satt. Seit sein Liebster nicht mehr da ist, funktioniert er irgendwie. Weshalb eigentlich noch? Was kommt noch, kommt noch was? Wie lange muss er sich noch mit Kleingeist, Dummheit, Geltungssucht, Gier, Angst und Hass abgeben? Der Leser im Jahr 2011 weiß, noch lange.
Doch zwischendurch darf George, wie wir auch den Hoffnungsschimmer sehen, sich glücklich und lebendig fühlen (zwei schwitzende Tennisspieler und Naktbaden im Ozean mit einem hoffnungsvollen Studenten). Daraus schöpft er Kraft und kann sich dem Leben neu zuwenden.
Der Anfang des Romans ist einfach nur großartig, im Mittelteil holt er mal Luft, um an Ende zu leuchten.

Rebecca Miller "Pippa Lee"

Es gibt ein paar Stellen im Buch, die sind wirklich schön beobachtet. Dazu zähle ich die Begebenheiten aus Pippas Kindheit (die medikamentenabhängige/drogenabhängige Mutter und ihr irrsinnige Liebe zu Pippa) und aus der Ehe mit dem viel älteren Verleger. Warum der Leserin als vermeintliches Zeichen des Unwohlseins in Pippas Leben allerdings das Schlafwandeln zugemutet werden muss und warum wir über die "wilden" ersten Sexerfahrungen (Sado-lesbische Drogenerfahrungen, die problemlos nach der Begegnung mit der großen, echten Liebe hinter sich gelassen werden) lesen müssen, erschließt sich nicht. Das ist sowas von abgedroschen und langweilig, dass man versucht ist, das Buch einfach wegzulegen. Dann allerdings würde man ein paar Wendungen verpassen... also doch weiterlesen...

David Nicholls "Ewiger Zeiter"

Während ich "Zwei an einem Tag" ganz entzückend fand, war "Ewiger Zweiter" langweilig. Tatsächlich kam ich mir vor wie in einer Zweitverwertung. Ein wenig Notting Hill, 4 Hochzeiten und ein Todesfall, eine Prise Hochzeit meines besten Freundes und ganz viel tatsächlich Liebe... Wer die Filme gern gesehen hat, kann sich sicher auch mit dem Buch anfreunden. Andererseits warum nicht gleich das Orginal sehen...

Terry Goodkind "Das Schwert der Wahrheit" 1.Teil

Während andere Menschen im Urlaub einen ganzen Stapel Krimis lesen, um sich vom Alltag abzulenken, zieht es mich ja eher zu einem anderen Genre. Ich liebe Fantasy. Jawohl. Und deshalb habe ich mich an der schönen Nordsee durch mehr als 1000 Seiten gelesen und bin nicht entäuscht worden. Mehr sogar. Es gab überaschende Wendungen in Momenten, in denen ich mich schon sicher fühlte, dass der Spaß aber nun bestimmt gleich nachlassen würde. Tat er aber nicht. Hier stimmt einfach vieles. Es ist leicht und flüssig geschrieben. Die Figuren sind nicht platt und die Geschichte auch nicht eindimensional. Gut an der ein oder anderen Stelle blitzt LoR durch, aber nur gaaanz wenig. Für Freunde des Genres uneingeschränkt empfehlenswert.

Lionel Shriver "Dieses Leben das wir haben"

Eigentlich will Shep seiner Frau nur noch mitteilen, dass er morgen nach Pemba (eine tansanische Insel) aufbrechen wird, mit ihr oder ohne sie. Glynis kommt ihm zuvor, sie werden gemeinsam noch zu einer Reise ohne Wiederkehr aufbrechen. Glynis hat Krebs. Zu Beginn jeden Kapitels sehen wir nun mit an, wie Sheps "Fluchtgroschen" von Krankenhausrechnungen aufgezerrt wir. Das passt, denn Shep ist ganz und gar beseelt von materialistischen Grundwerten. Wir lesen über seine unerhörten Gedanken, ob das denn eigentlich lohnt, so viel Geld für den Weg in den Tod auszugeben. Aber auch, wie er es nicht übers Herz bringt, seinem alten Vater das private Seniorenheim zu verweigern. Wir denken auf den ersten 20 Seiten, hier ist eine Liebe am Alltag zu Grunde gegangen. Auf den restlichen Seiten sehen wir, wie sie wieder aufersteht, wozu Liebe fähig ist, wie verzweifelt sie sein kann, wie selbstverleumderisch. Lionel Shriver hat mit Shep Knacker eine starke Figur geschaffen. Er ist nicht wirklich sympatisch aber er hat eine Tiefe in seinen Gedanken und Handlungen, seinen Fehlern und seinen Übersprungsreaktionen. So wollen wir einfach, dass es gut ausgeht. Tut es aber nicht. Wobei, irgendwie schafft es Shep seinen Frieden zu finden und die Liebe zu zelebrieren. Das ist schön und friedlich. Leider gerät das Ende allzu rund, die umfassende Hollywood-Auflösung. Wirkt ein wenig wie die letzte halbe Stunde beim 3.Teil des "Herr der Ringe"-Films: passt schon alles irgendwie aber braucht kein Mensch... Nach Jonathan Frantzens "Freiheiten" gibt es wieder den Streit, ob Romane nicht nur inhaltlich sondern auch in ihrer Form zu neuen Ufern aufbrechen müssen. Natürlich ist es immer aufregend auch formale Experimente lesen zu dürfen (wunderbar Paul Auster "Unsichtbar"), die gelingen. Frantzen und auch Shriver erzählen aber so gekonnt, mit so viel Geist, dass ich ganz und gar zufrieden bin auch wenn die Geschichte einfach linear über eine Zeitspanne gezeichnet wird.

Birgit Vanderbeke "Das läßt sich ändern"

Das läßt sich ändern" kommt genauso leichtfüßig daher wie "Alberta empfängt ihren Liebhaber". Wie die Erzählerin erliegen wir sofort Adam Czupek und wünschen uns mit ihm "draußen" zu sein. Wir wollen genau solche süßen Kinder mit genau so putzigen Namen... Bei den ganzen Zitaten von Ton Steine Scherben und den Ärzten geht uns das Herz auf und wir wünschen uns, auch in unserem Leben ginge es so romantisch und wild zu. Wir freunden uns mit Bauer Holzapfel an (und erinnern uns noch gut an das ausgediente Auto von Nachbar Franzke, in dem Holzklötze als Sitze dienten und Hühner auf dem Rücksitz ein schönes Nest für ihre Eier gefunden haben.) Leider driftet der Roman am Ende etwas ab. Lange freuen wir uns auf die Erklärung zum Basislager und das entpuppt sich dann als so eine Art Christiania nur in Brodowin oder Kneese. Ja klar, ich bin auch begeistert von Bohnensamen, die am Fusse alter Burgen gefunden werden und am liebsten würde ich auf meinem Balkon auch eine Selbstversorgung organisieren. Aber irgendwie glaube ich, dass damit die Probleme nicht gelöst wären. Insofern läßt mich Birgit Vanderbeke ratlos und auch hilflos zurück. "Alberta" war einfach nur hinreißend und gut so. Hier versucht sie auch noch ein "Muschelessen" einzuflechten aber es fehlt der schonungslose Blick und die ätzende Wahrheit. Allerdings ist das wahrscheinlich auch nicht so einfach, wenn man es sich in Südfrankreich gut gehen läßt... (und hier spricht purer Neid...)

Paul Murray "Skippy stirbt Hopeland-Heartland-Ghostland"

Bereits auf den ersten Seiten passiert es. Skippy stirbt. Seine letzten Atemzüge widmet er einem Mädchen. Wie tragisch und wie romantisch. Auf den folgenden 700 Seiten erfährt der Leser wer das Mädchen ist, wieso Skippy so sehr verliebt ist und warum so abgrundtief traurig und verstört. Verstörung ist überhaupt ein großes Thema in dem Buch. Irgendwie sind viele Figuren ent-/verrückt, passen nicht in die Schablonen in die sie das College, der Job, die Familie sie pressen will. Einige versuchen aufzubegehren, manche versinken im Drogenrausch, andere probieren Sex aus. Auch Fantasiewelten von Büchern und Computerspielen scheinen eine prima Alternative zu sein. Doch es nützt nicht, am Ende ist Skippy tot und nichts und niemand kann ihn wieder zurück holen, Fehler ungeschehen machen. Paul Murray haucht seinen Figuren und seiner Geschichte Leben ein (tja, das ist ein Weg Skippy wieder lebendig zu machen). Die Figuren bekommen Tiefe und die Gespräche so albern sie auch sein mögen (die Protagonisten sind gerade mitten in der Pubertät) sind komisch. Wenn man sich ekeln soll, dann kann hier angewidert sein, man kann den Haß spüren und die Langeweile. Ganz und gar klug und lesenswert (besonders für diejenigen, die gerade nach Irland wollen, denn da spielt der Roman oder für alle die sich mit der String-Theorie auskennen)!

J.R.R. Tolkien "Die Legende von Sigurd und Gudrún"

Diesmal mache ich es mir einfach, auch weil ich es besser nicht ausdrücken könnte. Dennis Scheck hat für die Sendung "Druckfrisch" den neuen Tolkin-Band besprochen. Hört und seht hier: http://mediathek.daserste.de/
Er hat Recht! Wunderbares Buch, das "ah" macht!

Jonathan Franzen "Freiheit"

Hatten mich die "Korrekturen" noch an einigen Stellen unzufrieden zurückgelassen, bin ich vom neuen Roman Jonathan Franzens komplett überzeugt. Das ist so ein Buch, bei dem man am Ende einen Abschiedsschmerz verspürt, weil es zu Ende ist. Und eigentlich kann dann auch erst mal eine Weile nichts kommen, weil der Kopf so gefüllt ist mit Dingen über die es sich lohnt nachzudenken. Franzen beleuchtet aus USamerikanischer Sicht die vielfältigen Daseinsformen von Freihheit. Er ist dabei ganz bei sich selbst. Der Kosmos einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie wird beleuchtet. Irgendjemand sagte neulich, Thomas Pynchon würde seine komplexen Geschichten durch immer mehr Personen schaffen, die auftauchen und agieren. Bei Franzen würde sich die Geschichte auf wenige Personen konzentrieren und sich durch das Hinabsteigen in das Labyrinth der Seelen komplex werden. Genau so ist es. Eigentlich sind es 4 Personen (Vater, Mutter, zwei Kinder) um dies sich hier alles dreht. Abgehandelt werden dennoch alle relevanten Fragen der Zeit. Entfesselter Kapitalismus, Terror, Krieg, Rassismus, Grenzen des Wachstums und was das alles mit jedem Einzelnen von uns zu tun hat. Weil Franzen dabei immer bei den Personen bleibt, rühren mich die Geschichten, gehen sie mich etwas an. Großartig, wie er den Personen innerhalb des Romans eine eigene Stimme gibt, also der Stil des Erzählers sich spürbar ändert. Und am Ende will man unbedint auch mal einen Pappelwaldsänger und eine Rohrdommel beobachten:-)