Montag, 9. April 2012

Andrew Davidson "Gargoyle"

Eine Geschichte über die Liebe. Zugegebener Maßen über eine ungewöhnlichen Liebe. Die begann irgendwann im Mittelalter, 1300 in der Nähe von Nürnberg. Wir erfahren viel über diese Zeit, über erstaunliche Frauen, die in Klöstern Bücher schrieben und Gott huldigten. Wer aber glaubt, das Buch sei ein Mittelalterroman, der irrt. Denn eigentlich spielt er im Hier und Jetzt. Verwirrend? Ja irgendwie schon, findet auch der Erzähler, der zu Beginn der Geschichte in seinem Auto verbrennt. Er hat eine schreckliche Vergangenheit (keine Eltern, Drogen, Porno) und keine Zukunft. Und dann trifft er im Krankenhaus, wo er mittels grausamer Proceduren "enthäutet" und wiederhergestellt wird, auf Marianne Engel. Die erzählt ihm Geschichten über die Liebe, über die wirklich große alles aufopfernde Liebe, mit der er so gar nichts anfangen kann. Er ist nur in seine süße Milch namens Morphium verliebt. Irgendwann begreift er aber doch.  Äußerlich entstellt, reinigt er sich innerlich und öffnet sich seiner Liebe. Na das ist es so in groben Zügen. Dazwischen rasante Trash-Passagen, bunte Beschreibungen der mittelalterlichen Mystik und Märchen aus aller Welt. Ach ja, Dantes Göttliche Komödie und Inferno spielen auch noch eine Rolle. Aber da ich das noch nicht gelesen habe (nur die wundervollen Stiche von Gustave Doré dazu kenne) konnte ich damit recht wenig anfangen und ich fürchte dadurch habe ich auch eine wichtige Ebene des Buches nicht verstanden. Macht aber nichts, hat dennoch Spaß gemacht. Liest sich schnell und gut weg.

Donnerstag, 5. April 2012

Kai Meyer "Die Sturmkönige-Triologie"

Teil 1 **** Manche Menschen lesen Krimis, ich lese Fantasy- oder wie man früher gesagt hat Abenteuerliteratur. Da musste ich früher oder später auf den Vielschreiber Kai Meyer stoßen. Mit "Dschinnland: Die Sturmkönige" legt er den ersten von drei Bänden vor. Er sagt selbst, er wisse vor dem ersten Satz schon genau, welche Struktur das Buch haben wird und wie die Charaktere sein werden. Solides Handwerk fällt mir dazu ein. Und so ließt sich auch das Buch. Flüssig, schnell und dabei nicht oberflächlich. Die Personen haben Ecken und Kanten, es gibt schöne Spannungsbögen, geschickt eingesetzte Erotik und ganz viel gute und folgerichtige Action. Da ist alles am rechten Platz und wenn die letzte Seite gelesen ist, will man ab in die Buchhandlung und den nächsten Band holen.

Teil 2 *** Lohnt sich, wenn man den ersten Teil gelesen hat und man wissen will, wie es mit Tarek, Sabatea und Junis weitergeht. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass ein wenig mehr Zeit bei der Bearbeitung dem Autor gut getan hätte. Der erste Teil war geschliffener. Dennoch werde ich auch den dritten Band lesen.

 Teil 3 ** Die Sturmkönige" kamen noch stürmisch daher. Bis zum 3. Teil hält der Autor aber leider nicht durch. Die Geschichte ist gewitzt, allerdings haben wir die Pointe in Prinzip bereits in 2. Teil gelesen. Und selbst wenn noch einige Details ergänzt werden, mir war es am Ende fast egal, was mit den Figuren passiert. Schade.

Bernhard Cornwell "Das letzte Königreich" und "Der weiße Reiter"

Die Bücher von Cornwell sind nicht umsonst Bestseller. Hier wird Geschichte auf lesbare und interessante Art und Weise vermittelt. Es gibt viel zu erfahren über die Dänen als Eroberer und die kulturellen Unterschiede der Heiden und Christen im 9. Jahrhundert. Symphatisch: es gibt kein Schwarz-Weiß, Gut-Böse. Kultur und Politik, Struktur der Gesellschaft, Religion und Alltag der Menschen sind in die Geschichte von Uhtred verpackt, der seinem Schicksal folgt. Obwohl Cornwell ganz oft den Ausgang von Episoden durch den Erzähler vorweg nimmt, bleibt man gern dabei, denn die Schilderungen an sich sind spannend und bildreich. Also ich lese auch den zweiten Teil...

Die Geschichte um Uthred geht weiter und man schlüpft wieder in seine Wikingerklamotten und reitet durch das alte Wessex. Ähm, ich war da noch nie... hm, das hat soviel Spaß gemacht, vielleicht sollte ich mal hin. Na vorher aber noch die anderen Teile lesen...
In diesem Band jedenfalls wird natürlich wieder viel gekämpft, ein wenig geliebt und auch gebetet. Odin und Co. sind mir dabei irgendwie sympathischer als Gott, Jesus und Maria. Kein Wunder die christlichen Priester und Mönche schneiden nicht gut ab. Kommt doch mal einer freundlich daher, ist er nur aus Hunger ("hast Du schon mal einen Priester hungern sehen..") oder niederen Erwägungen (Geld, Einfluss, Ruhm, Schutz vor den Dänen) zur Kirche gekommen.
Die "Flimmerfreunde" haben sich neulich in ihrem Podcast über 2. Teile unerhalten und sind der Frage nachgegangen, ob die eigentlich grundsätzlich besser oder schlechter sind. Hier liegt nun der 3. Teil vor, einer Geschichte, die üer das alte Britanien erzählt und die Auseinandersetzung mit den Nordmännern. In diesem Buch steckt mehr Fiktion als in den Vorgängern. Cornwell weist seine Leser darauf am Ende des Buches hin und gibt Auskunft, was erdacht und was auf historischen Fakten beruht. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ansonsten hat mich die Geschichte nicht mehr ganz so gefesselt, weil aber Form und Inhalt zueinander passen, lesen sich die Seiten schnell mit Spaß durch.

TOP 100 Science-Fiction und Fantasy Books



Die einen kochen sich durch ein Buch ("Mastering the Art of French Cooking" von Julia Child) andere lesen sich durch Listen. Ich habe beschlossen, andere zu sein.
Auf der Seite des von mir außerordentlich geschätzten Patrick Rothfuss http://www.patrickrothfuss.com/content/index.asp fand ich vor ein paar Wochen eine Liste der 100 besten Bücher aus Science Fiction und Fantasy. Die Nutzer von NPR haben abgestimmt und ihre besten Autoren und Werke ausgewählt (also nicht irgendwelche schnöseligen Kritiker).

Bald werde ich jeden Tag zwischen Rostock und Schwerin pendeln. Viel Zeit, um gemütlich zu lesen. Ideal also, diese Liste mal durchzugehen. Ich habe schon beschlossen, die Sachen durcheinander zu lesen. Einiges kenne ich auch schon. Auf jeden Fall lasse ich Euch teilhaben. Vielleicht mag ja auch noch jemand mitmachen :-)

Und hier der Link für alle die wissen wollen, was ich in den nächsten Wochen lesen und besprechen werde: http://www.npr.org/2011/08/11/139085843/your-picks-top-100-science-fiction-fantasy-books

West Wing - Die Tatort-Alternative


Die Liebichs haben eine neue Sonntagabendbeschäftigung. Wir schauen „West Wing“. Wir lieben die Serie, weil wir endlich verstehen, wie das politische System in den USA funktioniert. Wir lieben die schnellen Dialoge und die langen Kamerafahrten bei denen von einem Erzählstrang zum nächsten übergeschwenkt wird. Wir lieben die Personen, weil sie kaltschnäutzig, professionell und warmherzig und sorgsam füreinander da sind. Wir lieben die Serie weil wir leidenschaftliche Politiker in Aktion sehen, die um ihre Ideale kämpfen, ob im Großen oder im Kleinen. Wir fiebern mit ihnen und können gut nachvollziehen, wie man sich freuen kann, wenn eine Rede gut geworden ist, wenn ein Tagesordnungspunkt durchgesetzt wurde und auch wenn wie Welt mal wieder gerettet wird.

Andere Gründe, warum man die Serie noch unbedingt schauen sollte, erklären die Flimmerfreunde Bernd Begemann, Ben Schadow und Kai Otto. Und zwar hier: 



Montag, 2. April 2012

Nick McDonell "Ein hoher Preis"

Manche Menschen schreiben über Außenpolitik. ich lese drüber. Und zwar diesen hervorragenden Roman eines jungen amerikanischen Autors. Nick McDonell schreibt über eine Welt in der er sich auskennt. Wir bewegen uns zwischen dem Campus von Harvard, mit seinen Studenten und Dozenten, ihren Ritualen, Clubs und Geld einerseits und der kenianisch-somalischen Grenze mit Bürgerkrieg, Warlords und grausamer Armut andererseits. Wir merken schnell, es ist Betrug im Spiel. Menschenleben spielen dabei keine Rolle, denn es geht um Macht, Einfluss, Intrigen und Geheimnisse. Was da geschildert wird, ist furchbar. Auch deshalb, weil es uns jeden Tag aus der Zeitung anschreit. McDonell erzählt in klaren, schnörkellosen Sätzen und dennoch wird seine Geschichte sehr lebendig und bewegend. Immer wieder haben wir das Gefühl, unsere Helden springen gleich vom Dach und eine Verfolgungsjagd beginnt. Dem Autor gelingt es dennoch, nie ins Banale abzugleiten. Die "Action" bleibt immer glaubhaft.
Ein spannendes, nachdenkliches und bewegendes Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Sonntag, 1. April 2012

Suzanne Collins "Die Tribute von Panem"

Mit Hörbüchern ist es so eine Sache. Fast jeder erinnert sich sicher noch an die Schulzeit, wenn die Lehrerin vorn aus einem Buch vorgelesen hat und man einfach irgendwann eingeschlafen ist. Obwohl oft die Bücher spannend waren. Irgendwie ist eine Stimme monoton und irgendwann ...zzzz...zzzz...zzzz Es sei denn, man findet einen guten Sprecher. Gerd Wameling oder Dirk Bach haben beispielsweise großartige Einspielungen vorgenommen. Ihre Stimmen sind so wandlungsfähig. Das wird an dieser Stelle noch weiter zu besprechen sein. Eine fabelhafte und sehr farbige Stimme hat auch die Synchronsprecherin Maria Koschny. Sie leiht ihre Stimme Frauen wie Christina Ricci oder Jessica Biel. Sie nun hat sich die "Tribute von Panem" vorgenommen und macht ihre Sache ganz wirklich gut. Den unterschiedlichen Personen verschafft sie auch verschiedene Stimmen, mal ist es ein glockengleicher Klang, mal ist die Färbung richtig samtig, mal harter Stahl, mal frischer Wind. Damot wird diese Lesung zu einem wirklichen Vergnügen.
Die Geschichte selber ist etwas für Fantasy/Science Fiction-Fans. Einmal im Jahr werden vom Capitol die Hunger-Spiele abgehalten. So eine Art Dshungel-Camp, nur dass es dabei um Leben und Tot geht. Übrig bleibt nur einer, der Sieger. Er muss vorher alle anderen Teilnehmer töten. Die Teilnehmer werden wahrlos unter den Einwohnern der Districte ausgelost. Und wie es die Geschichte so will, regt sich Widerstand. Der wird durch die junge Katnis Everdeen ausgelöst.Über drei Teile entspinnt sich eine spannende Geschichte um den Befreiungskampf von einem totalitären System. Mir hat es viel Spaß gemacht und ich bin an keiner Stelle eingschlafen.

Nick McDonell "Zwölf"

Der letzte frenetische Jubel von Kritikern in Zeitungen brachte mir Helene Hegemann ein. Grrr, da schüttelt sich bei mir immer noch alles. Dennoch bin ich wieder in die Fänge der Vielleser geraten. Diesmal bin ich allerdings nicht enttäuscht worden. 17 Jahre alt ist Nick McDonell gewesen, als er sein Buch "Zwölf" geschrieben hat. Es ist erstaunlich. Mit einer brutalen Abgeklärtheit erzählt er nüchtern vom erbarmungslosen Leben der amerikanischen Elite und schlägt dabei ganz nebenbei die großen Themen an. Wer bin ich, wohin geh ich, wie funktioniert die Welt und wie komme ich da raus? Die Antworten sind trostlos, es gibt keine positiven Vorbilder, Drogen überall, Sex. Befriedigung bringt das nicht, dafür wuchernden Krebs. Tot, Verwüstung und der Blut-Rausch als letzte Rettung. Ausgerechnet der Dealer ist mir die sympatischste Figur, bleibt es bis zum Ende. Ich will, dass diese Welt ganz weit weg von meiner ist und weiß doch, sie ist es nicht. Und wie die Figuren im Buch muss ich meine Antwort finden. Großartig!
Der neue Roman liegt schon auf meinem Nachttisch...
Ach und wenn man dieses Debüt gelesen hat, weiß man wie gute Literatur klingen kann (mit Sex, Drogen und allem Pipapo) und der Hype um Hegemanns Schreibsel (sehr wahrscheinlich hat sie McDonell gelesen) ist noch ärgerlicher.

Helene Hegemann "Axolotl Roadkill"

Ich habe extra noch mal auf "Perlentaucher.de" nachgeschaut und keine Kritik in den letzten Wochen gefunden, die nicht begeistert vom Erstling Helene Hegemanns gewesen ist. Dann ist da natürlich noch der große Alarm um die Plagiatsvorwürfe. Ich kann beide Punkte nicht wirklich nachvollziehen. Durch das Buch habe ich mich eher durchgearbeitet als -gelesen. Die Geschichte der 16-jährigen Mifti, deren Vater und Umfeld "Höchststeuersatz hat", alle illegal verfügbaren Drogen konsumiert und Sex mit allem hat, was nicht schnell genug aus dem Weg geht... tja, berührt mich irgendwie nicht. Da ist von radikal, klug und wortgewaltig die Rede. Ist es immer noch radikal, wenn Sex, Drugs and RocknRoll in einem Satz vorkommen? Ist man schon klug, weil man mal keine lineare Geschichte erzählt? Und ja, wenn man Begriffe wie "Vaselintitten" wortgewaltig findet, dann ist Hegemann dies.

Zusammenhangslos, weil immer im Drogenrausch oder sowieso nicht von dieser Welt, reihen sich Volksbühnen-Sätze aneinander. Finde ich im Theater langweilig bis unerträglich und hier ebenso. Was nicht heißen soll, dass es da nicht auch ein paar famose Sätze und Passagen gibt. Die sind da und für eine 17 jährige sind sie auch wirklich beachtlich.

Damit bin ich bei der Frage, wieviel wirklich von diesem "Wunderkind" der deutschen Literatur stammt. Hegemann schreibt schon auf Seite 10, wie sie arbeitet. Sich Schnipsel aus allen Medien zusammensuchen, bearbeiten, neu setzen. Das kann Kunst sein, eigene Kunst (ob der Text, dem Anspruch gerecht wird, muss jeder selbst entscheiden). Am Ende dankt die Autorin dem Blogger namentlich. Sie hat kein Geheimnis gemacht, wo sie sich bedient hat (ok, es gibt keine Quellenangabe, aber es ist ja auch keine Diplomarbeit).
Also was bitte soll die ganze Plagiatsdebatte?
Ach ja, wir sollen das Buch kaufen!!!

Da kann ich nur sagen: Liebe Freunde, wenn ihr es unbedingt lesen wollt, bitte kauft es nicht, Ihr könnt es gern bei mir leihen.


Christoper Isherwood "Der Einzelgänger"

Manchmal haben Verfilmungen auch ihr Gutes. Ich wäre sonst nie und nimmer auf Christopher Isherwood gestoßen. "Der Einzelgänger" schaut mich mit dicker Hornbrille vom Cover an. Einer meiner liebsten Schauspieler gibt ihn in dem Fordfilm. Also schnell eingepackt.
Noch ganz eingenommen von McDonells "Zwölf" das ich gerade gelesen habe, muss ich nur 40 Jahre zurück gehen. Isherwood berichtet über die 60er Jahre in den USA. Der Krieg ist vorbei, die Männer sind zurück. Was sollen sie nun tun, um sich zu beweisen? Häuser bauen, Bäume pflanzen, Kinder zeugen, Krieg führen...? George hat das so satt. Seit sein Liebster nicht mehr da ist, funktioniert er irgendwie. Weshalb eigentlich noch? Was kommt noch, kommt noch was? Wie lange muss er sich noch mit Kleingeist, Dummheit, Geltungssucht, Gier, Angst und Hass abgeben? Der Leser im Jahr 2011 weiß, noch lange.
Doch zwischendurch darf George, wie wir auch den Hoffnungsschimmer sehen, sich glücklich und lebendig fühlen (zwei schwitzende Tennisspieler und Naktbaden im Ozean mit einem hoffnungsvollen Studenten). Daraus schöpft er Kraft und kann sich dem Leben neu zuwenden.
Der Anfang des Romans ist einfach nur großartig, im Mittelteil holt er mal Luft, um an Ende zu leuchten.

Rebecca Miller "Pippa Lee"

Es gibt ein paar Stellen im Buch, die sind wirklich schön beobachtet. Dazu zähle ich die Begebenheiten aus Pippas Kindheit (die medikamentenabhängige/drogenabhängige Mutter und ihr irrsinnige Liebe zu Pippa) und aus der Ehe mit dem viel älteren Verleger. Warum der Leserin als vermeintliches Zeichen des Unwohlseins in Pippas Leben allerdings das Schlafwandeln zugemutet werden muss und warum wir über die "wilden" ersten Sexerfahrungen (Sado-lesbische Drogenerfahrungen, die problemlos nach der Begegnung mit der großen, echten Liebe hinter sich gelassen werden) lesen müssen, erschließt sich nicht. Das ist sowas von abgedroschen und langweilig, dass man versucht ist, das Buch einfach wegzulegen. Dann allerdings würde man ein paar Wendungen verpassen... also doch weiterlesen...

David Nicholls "Ewiger Zeiter"

Während ich "Zwei an einem Tag" ganz entzückend fand, war "Ewiger Zweiter" langweilig. Tatsächlich kam ich mir vor wie in einer Zweitverwertung. Ein wenig Notting Hill, 4 Hochzeiten und ein Todesfall, eine Prise Hochzeit meines besten Freundes und ganz viel tatsächlich Liebe... Wer die Filme gern gesehen hat, kann sich sicher auch mit dem Buch anfreunden. Andererseits warum nicht gleich das Orginal sehen...

Terry Goodkind "Das Schwert der Wahrheit" 1.Teil

Während andere Menschen im Urlaub einen ganzen Stapel Krimis lesen, um sich vom Alltag abzulenken, zieht es mich ja eher zu einem anderen Genre. Ich liebe Fantasy. Jawohl. Und deshalb habe ich mich an der schönen Nordsee durch mehr als 1000 Seiten gelesen und bin nicht entäuscht worden. Mehr sogar. Es gab überaschende Wendungen in Momenten, in denen ich mich schon sicher fühlte, dass der Spaß aber nun bestimmt gleich nachlassen würde. Tat er aber nicht. Hier stimmt einfach vieles. Es ist leicht und flüssig geschrieben. Die Figuren sind nicht platt und die Geschichte auch nicht eindimensional. Gut an der ein oder anderen Stelle blitzt LoR durch, aber nur gaaanz wenig. Für Freunde des Genres uneingeschränkt empfehlenswert.

Lionel Shriver "Dieses Leben das wir haben"

Eigentlich will Shep seiner Frau nur noch mitteilen, dass er morgen nach Pemba (eine tansanische Insel) aufbrechen wird, mit ihr oder ohne sie. Glynis kommt ihm zuvor, sie werden gemeinsam noch zu einer Reise ohne Wiederkehr aufbrechen. Glynis hat Krebs. Zu Beginn jeden Kapitels sehen wir nun mit an, wie Sheps "Fluchtgroschen" von Krankenhausrechnungen aufgezerrt wir. Das passt, denn Shep ist ganz und gar beseelt von materialistischen Grundwerten. Wir lesen über seine unerhörten Gedanken, ob das denn eigentlich lohnt, so viel Geld für den Weg in den Tod auszugeben. Aber auch, wie er es nicht übers Herz bringt, seinem alten Vater das private Seniorenheim zu verweigern. Wir denken auf den ersten 20 Seiten, hier ist eine Liebe am Alltag zu Grunde gegangen. Auf den restlichen Seiten sehen wir, wie sie wieder aufersteht, wozu Liebe fähig ist, wie verzweifelt sie sein kann, wie selbstverleumderisch. Lionel Shriver hat mit Shep Knacker eine starke Figur geschaffen. Er ist nicht wirklich sympatisch aber er hat eine Tiefe in seinen Gedanken und Handlungen, seinen Fehlern und seinen Übersprungsreaktionen. So wollen wir einfach, dass es gut ausgeht. Tut es aber nicht. Wobei, irgendwie schafft es Shep seinen Frieden zu finden und die Liebe zu zelebrieren. Das ist schön und friedlich. Leider gerät das Ende allzu rund, die umfassende Hollywood-Auflösung. Wirkt ein wenig wie die letzte halbe Stunde beim 3.Teil des "Herr der Ringe"-Films: passt schon alles irgendwie aber braucht kein Mensch... Nach Jonathan Frantzens "Freiheiten" gibt es wieder den Streit, ob Romane nicht nur inhaltlich sondern auch in ihrer Form zu neuen Ufern aufbrechen müssen. Natürlich ist es immer aufregend auch formale Experimente lesen zu dürfen (wunderbar Paul Auster "Unsichtbar"), die gelingen. Frantzen und auch Shriver erzählen aber so gekonnt, mit so viel Geist, dass ich ganz und gar zufrieden bin auch wenn die Geschichte einfach linear über eine Zeitspanne gezeichnet wird.

Birgit Vanderbeke "Das läßt sich ändern"

Das läßt sich ändern" kommt genauso leichtfüßig daher wie "Alberta empfängt ihren Liebhaber". Wie die Erzählerin erliegen wir sofort Adam Czupek und wünschen uns mit ihm "draußen" zu sein. Wir wollen genau solche süßen Kinder mit genau so putzigen Namen... Bei den ganzen Zitaten von Ton Steine Scherben und den Ärzten geht uns das Herz auf und wir wünschen uns, auch in unserem Leben ginge es so romantisch und wild zu. Wir freunden uns mit Bauer Holzapfel an (und erinnern uns noch gut an das ausgediente Auto von Nachbar Franzke, in dem Holzklötze als Sitze dienten und Hühner auf dem Rücksitz ein schönes Nest für ihre Eier gefunden haben.) Leider driftet der Roman am Ende etwas ab. Lange freuen wir uns auf die Erklärung zum Basislager und das entpuppt sich dann als so eine Art Christiania nur in Brodowin oder Kneese. Ja klar, ich bin auch begeistert von Bohnensamen, die am Fusse alter Burgen gefunden werden und am liebsten würde ich auf meinem Balkon auch eine Selbstversorgung organisieren. Aber irgendwie glaube ich, dass damit die Probleme nicht gelöst wären. Insofern läßt mich Birgit Vanderbeke ratlos und auch hilflos zurück. "Alberta" war einfach nur hinreißend und gut so. Hier versucht sie auch noch ein "Muschelessen" einzuflechten aber es fehlt der schonungslose Blick und die ätzende Wahrheit. Allerdings ist das wahrscheinlich auch nicht so einfach, wenn man es sich in Südfrankreich gut gehen läßt... (und hier spricht purer Neid...)

Paul Murray "Skippy stirbt Hopeland-Heartland-Ghostland"

Bereits auf den ersten Seiten passiert es. Skippy stirbt. Seine letzten Atemzüge widmet er einem Mädchen. Wie tragisch und wie romantisch. Auf den folgenden 700 Seiten erfährt der Leser wer das Mädchen ist, wieso Skippy so sehr verliebt ist und warum so abgrundtief traurig und verstört. Verstörung ist überhaupt ein großes Thema in dem Buch. Irgendwie sind viele Figuren ent-/verrückt, passen nicht in die Schablonen in die sie das College, der Job, die Familie sie pressen will. Einige versuchen aufzubegehren, manche versinken im Drogenrausch, andere probieren Sex aus. Auch Fantasiewelten von Büchern und Computerspielen scheinen eine prima Alternative zu sein. Doch es nützt nicht, am Ende ist Skippy tot und nichts und niemand kann ihn wieder zurück holen, Fehler ungeschehen machen. Paul Murray haucht seinen Figuren und seiner Geschichte Leben ein (tja, das ist ein Weg Skippy wieder lebendig zu machen). Die Figuren bekommen Tiefe und die Gespräche so albern sie auch sein mögen (die Protagonisten sind gerade mitten in der Pubertät) sind komisch. Wenn man sich ekeln soll, dann kann hier angewidert sein, man kann den Haß spüren und die Langeweile. Ganz und gar klug und lesenswert (besonders für diejenigen, die gerade nach Irland wollen, denn da spielt der Roman oder für alle die sich mit der String-Theorie auskennen)!

J.R.R. Tolkien "Die Legende von Sigurd und Gudrún"

Diesmal mache ich es mir einfach, auch weil ich es besser nicht ausdrücken könnte. Dennis Scheck hat für die Sendung "Druckfrisch" den neuen Tolkin-Band besprochen. Hört und seht hier: http://mediathek.daserste.de/
Er hat Recht! Wunderbares Buch, das "ah" macht!

Jonathan Franzen "Freiheit"

Hatten mich die "Korrekturen" noch an einigen Stellen unzufrieden zurückgelassen, bin ich vom neuen Roman Jonathan Franzens komplett überzeugt. Das ist so ein Buch, bei dem man am Ende einen Abschiedsschmerz verspürt, weil es zu Ende ist. Und eigentlich kann dann auch erst mal eine Weile nichts kommen, weil der Kopf so gefüllt ist mit Dingen über die es sich lohnt nachzudenken. Franzen beleuchtet aus USamerikanischer Sicht die vielfältigen Daseinsformen von Freihheit. Er ist dabei ganz bei sich selbst. Der Kosmos einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie wird beleuchtet. Irgendjemand sagte neulich, Thomas Pynchon würde seine komplexen Geschichten durch immer mehr Personen schaffen, die auftauchen und agieren. Bei Franzen würde sich die Geschichte auf wenige Personen konzentrieren und sich durch das Hinabsteigen in das Labyrinth der Seelen komplex werden. Genau so ist es. Eigentlich sind es 4 Personen (Vater, Mutter, zwei Kinder) um dies sich hier alles dreht. Abgehandelt werden dennoch alle relevanten Fragen der Zeit. Entfesselter Kapitalismus, Terror, Krieg, Rassismus, Grenzen des Wachstums und was das alles mit jedem Einzelnen von uns zu tun hat. Weil Franzen dabei immer bei den Personen bleibt, rühren mich die Geschichten, gehen sie mich etwas an. Großartig, wie er den Personen innerhalb des Romans eine eigene Stimme gibt, also der Stil des Erzählers sich spürbar ändert. Und am Ende will man unbedint auch mal einen Pappelwaldsänger und eine Rohrdommel beobachten:-)