Sonntag, 28. Juli 2013

Emma Donoghue "Raum"

Jack lebt mit seiner Mutter in Raum. Nicht in einem oder dem Raum. Nein. Einfach nur Raum. 

Warum das so ist, darum geht es in dem Buch. Im ersten Drittel führt uns Emma Donoghue in die Lebenswelt von Jack. Seine Welt ist 12 qm groß. Er hat 5 Bücher, die er sehr liebt. Seine besten Freunde sind Dora aus dem Fernsehen und Schlimmerzahn, der abgebrochene Zahn seiner Mutter. Sein Alltag ist genau strukturiert. Jeder Tag hat seine Bestimmung und wir lesen, wie Jack sich diese, seine Welt erklärt.

Warum die Welt so ist, wie sie ist und was es damit aufsicht hat, soll hier nicht verraten werden. Klar ist, dass es ein Geheimnis um Raum gibt. Das wird schon nach knapp 100 Seiten gelüftet. Auf den nächsten 300 Seiten lesen wir über die weitere Entwicklung von Jack. Das ist äußerst spannend und psycholgisch interessant. 

Raum ist wegen seiner Geschichte (verdammt ich will nicht spoilen...) ein zutiefst bewegender Roman. Nicht nur gelingt es Donoghue die Geschichte völlig glaubhaft aus der Sicht und mit der Sprache eines fünfjährigen zu erzählen. Sie baut auch einen beeindruckenden Spannungsbogen, der sich nach der Aufdeckung des Geheimnisses auf die psychologischen Tiefen der Mutter-Kind-Umwelt-Beziehung konzentriert.

Fazit: Ein bewegendes Buch. Man braucht starke Nerven. Niemand wird von dieser Geschichte kalt gelassen. Und keine Sorge es wird nicht reißerisch auf die Tränendrüse gedrückt. Legt man nicht mehr aus der Hand.


"Alles über Sally" oder warum die Ehe kein Ponyhof ist

Der Ausgangspunkt der Geschichte um das Ehepaar Sally und Alfred ist ein Einbruch. Beide sind gerade zum Wanderurlaub in England, da bricht jemand in ihr Wiener Haus ein. Während Sally sich beherzt den entstandenen Problemen stellt (Aufräumen, Wände streichen, Verluste bei der Polizei melden), entdeckt Alfred die Ängstlichkeit. Sicher fühlt er sich nicht mehr. Im Laufe der Geschichte stellt man fest, dass er gut daran tut. Denn Sally ist ein echtes Lebeweib. Was Alfred nicht mehr an Tatendrang in der Beziehung aufbringen kann, lebt sie anderswo aus. Sie beginnt eine Affäre mit dem Mann der gemeinsamen Freundin. Das tut ihr gut, sie fühlt sich lebendig. Alfred hütet in der Zwischenzeit das Haus und pflegt seinen Thrombose-Stützstrumpf. Am Ende kommt Sally dennoch zu ihrem wartenden Ehemann zurück. Soviel sei verraten. Warum und wieso muss man selbst erlesen.

Am Anfang fühlt man sich an Alan Bennets "Cosi fan tutte" erinnert. Da ist es nach 30 Jahren Ehe und einem Einbruch auch die Frau, die das gemeinsame Leben umkrempelt. Arno Geiger, der östereichische Autor dieses Romans, meinte auch genau das, in der Realität festgestellt zu haben. Oft sind es die Frauen um die 50, die mit Lebenshunger, Selbstbewußtsein und Mut aus eingefahrenen Wegen ausbrechen und aktiv ihr Leben in die Hand nehmen. Männer hingegen hat er als verhalten und ängstlich erlebt. Eingerichtet in ihrem Leben, bloß keine Veränderungen. Diese Beobachtung war ihm der Anlass für seinen Roman.

Arno Geiger ist ein sehr erfolgreicher Autor. Er hat den Deutschen Buchpreis gewonnen (naja, ob das ein Beleg für Qualität ist, sei mal dahin gestellt...) und er ist ein Liebling der Kritiker  (dito...). Geiger kann schreiben. Das erste Drittel des Romans ist ganz stark. Wie er die Ehe der beiden beschreibt, großartig. Die Flucht in die Affäre, absolut nachvollziehbar. 

Da liest man wunderbare Sätze: "Doch Sally, die lange genug zähneknirschend die tolerante Ehefrau und Mutter gespielt hatte, legt ihr Veto ein mit dem legendären Satz, der alles verhöhnte, was ihr heilig war. "Die Küche gehört mir!" (Ehemann und 3 Kinder bauen im ganzen Haus eine Eisenbahnanlage Spur 0 auf.) 

Oder. "Sally war eindeutig nicht mehr jung, an diesem Julitag, mit diesem Julikörper, Hälfte des Lebens." Hach. schön!

Und als letztes: "Sally jedenfalls tat ihr Möglichstes, den irreführenden und laxen Impressionismus der weichen Ausdrücke zu vermeiden." Davon kann ich gar nicht genug bekommen. 

Leider fesselte mich die Geschichte der beiden, trotz wundervoller Passagen nicht bis zum Ende. Zu sehr beleuchtet der Autor das Innenleben der Ehe, ohne dabei großartig voran zu kommen. Die ist nicht mehr dynamisch, zu Sallys Leidwesen und so kann es wohl auch die Beschreibung darüber nicht sein. Arno Geiger ist als Erzähler zu viel "Alfred". Er versucht beiden Figuren gerecht zu werden, ihre Entwicklung gleichermaßen darzustellen. Das ist etwas langatmig, zumal man durch seine genialen Bilder und Szenen schon längst begriffen hat, was da passiert.

Dennoch. Arno Geiger ist mit der "Sally" eine ganz wundervolle, starke Frauenfigur gelungen. Schön auch, dass man hier mal von einer tollen Frau lesen darf, die sexy, klug, impulsiv, launisch, unvernünftig, abgestumpft und neugierig ist.

Hier kann man hören, wie der Autor das selber sieht: Geiger über "Sally"

Das sagen andere über das Buch: Perlentaucher, deutsche Kritiker im O-Ton

Fazit: Für alle die Angst vor der Lebens-/Ehekrise haben. Für diejenigen, die Alan Bennetts "Cosi fan tutte",  Ian McEwans "Liebeswahn" oder Zeruya Shaleys "Liebesleben" mochten.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Im Bett mit Paula

Wer schon mal die deutsche GQ gelesen hat, ist auf jeden Fall bei ihr hängen geblieben: Paula Lambert. Sie ist die Expertin für Zwischenmenschliches, Liebe, Erotik und Sex. Sie sagt immer die Wahrheit und zwar ungeschminkt.Wenn man es nicht so mit Buchstaben hat, lassen einen auf jeden Fall die Fotos verweilen, die Kolumne ist jeweils mit einem hübschen Foto garniert...

Dass es hier um die "Wahrheit" geht, entnimmt man schon den Titeln der Bücher "Keine Panik, ich will nur Sex: Auf der Suche nach dem Mann für jede Lage" und "Eine Frau mit Penetrationshintergrund". Beide wirken auf die intellektuelle Leserschaft sicher leicht abstoßend. Um dennoch den Kauf zu ermöglichen, werden sie in Buchhandlungen nicht bei Erotik einsortiert, sondern bei Sachbuch - Ratgeber Leben und Partnerschaft. Das ist natürlich an sich schon ein Witz, denn wenn Lambert mit diesen Büchern sicher eines nicht wollte, dann Sex-Ratgeber schreiben.

Was es da zu lesen gibt, ist vor allem eins: witzig. Wenn man einem gewissen zotigem Humor nicht abgeneigt ist. Ansonsten: FINGER weg. Paula Lambert schreibt ungeschönt, worüber Frauen untereinander so lästern. Schnell wird klar, sie sind auch nicht besser. Interellekt ist ihnen Schnuppe, wenn Mann unten rum gut bestückt ist. Was genau das allerdings bedeutet, da gehen die Meinungen auseinander. Auch sehr wichtig, Fingerfertigkeit und angemessene Lippenbekenntnisse.

Aber der Reihe nach. "Keine Panik, ich will nur Sex: Auf der Suche nach dem Mann für jede Lage" enthält kleine Geschichten, die sich gut als Zwischendurch-Lektüre eignen. Hier werden Männer kategorisiert. Da gibt es den Esoteriker, den Marathon-Mann, den Winzling, den High-Performer u.s.w.... Paula hatte sie alle. Wir wiederum dürfen an ihren Erkenntnissen teilhaben. Also ich habe mich von Geschichte zu Geschichte gekichert.

Nachdem Paula nun all diese Männer vernascht hat und umgekehrt, ist sie immer noch auf "Sinn"suche. Auch sie läßt sich anstecken von dem Glauben, dass es irgendwo das draußen den Richtigen gibt. Sie beschließt ins Kloster zu gehen. Dort trifft sie einen mysteriösen (heißen) Gärtner, setzt sich mit den sieben Todsünden auseinander und kommt sogar geläutert wieder nach Berlin  zurück (das ist irgendwie enttäuschend.).  Nachzulesen in "Eine Frau mit Penetrationshintergrund".

Ich musste sehr lachen, als ich im Netz die Reaktionen auf ihre Bücher nachgelesen habe. Da wird sich über den geringen Tiefgang beschwert, über Klischees und, dass man sich nicht über kleine Penise lustig machen soll. Sicher, stimmt alles. Aber wer will schon die ganze Zeit so verdammt politisch korrekt sein. Ich nicht, deshalb hatte ich bei beiden Büchern meinen Spaß.

Allerdings will ich einräumen, dass ich jetzt unbedingt mal wieder ein RICHTIGES Buch lesen will.

Einen kleinen Eindruck von den handwerklichen Fertigkeiten der Frau Lambert kann man sich hier verschaffen: Paula Lambert in der GQ. In Wirklichkeit heißt die Autorin Susanne Frömel. Wer mag kann sich im Netz einen netten Text durchlesen. Sie hat sich mit der Frage beschäftigt, ob es eigentlich sinnvoll ist, mit seinen Ex-Freunden befreundet zu bleiben: Fünf Freunde.

Fazit: Humor und Sex gehen zusammen und man landet dabei nicht zwangsläufig bei Fips Asmussen. Wer eine erotische Geschichte sucht, ist hier fehl am Platz. Wenn man allerdings amüsante Geschichten möchte, die sich mit unserer übersexualisierten Welt beschäftigen, ist man mit Paula Lambert gut bedient. 


Sonntag, 14. Juli 2013

Diana Gabaldon - Die geliehene Zeit

Ach, immer diese Sagas. Fängt man erst einmal mit dem ersten Band an, füllt sich die Leseliste schnell um weitere 3 bis 12 Bände. Nicht anders bei Diana Gabaldon. Deren Outlander-Bücher verkaufen sich wie warme Semmeln und sie lassen sich auch ebenso schnell verputzen. Einfach in den Liegestuhl legen und auf geht es nach Schottland und Paris. Nebenbei bekommt man auf angenehme Art und Weise noch ein paar historische Details über den Jakobitenaufstand von 1745 mit. Ist zwar ziemlich sinnloses Wissen aber das merkt man sich bekanntlich ja am besten. 

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle, dass es einen ganz famosen Querverweis gibt. In "Die geliehene Zeit" spielt der schottische Prinz Charles eine nicht ganz unwichtige Rolle. Historisch vermerkt wird bei ihm auch der Spitzname "Bonnie Prince Charlie" (der hübsche Prinz Charlie). Da regen sich bei den Liebhabern amerikanischer Folkpopsongs natürlich sofort die Gehirnwindungen. In der Tat hat Will Oldham sein künstlerisches Alter Ego Bonnie Prince Billy zum Teil aus eben dieser Figur entlehnt. Für den Rest musste Billy the Kid herhalten. Nach Lektüre von Gabaldons Roman muss ich sagen, eine interessante Kombination. 



Fazit: Perfekt für Liebhaber historischer Romane, perfekt für den Urlaub.

Samstag, 13. Juli 2013

Game of Thrones: Winter is coming

Es ist natürlich essentiell und gar nicht anders denkbar. Ein Fan von Fantasy MUSS "Game of Thrones" sehen. Wenn man sich durch die bislang erschienen 10 Bücher gelesen hat und beseelt auf den nächsten Band wartet, bietet die HBO-Serie eine prima Überbrückung. All die Charaktere, die man sich gerade noch selbst ausgemalt hat, erwachen visuell zu neuem  Leben. Nun kann das ja durchaus eine echte Enttäuschung sein. Ist es hier aber gar nicht. Im Gegenteil. Irgendwie sah Ned Stark in meiner Phantasie sowieso schon immer genau so aus wie Sean Bean. Mit Rob, Bran und den Wölfen ist es nicht anders. Tyrion, Daenerys, Jaime... ach... bis in die Nebenrollen sehen wir wunderbare Schaupieler, die ihre Rollen ausfüllen. Hinzu kommt die wunderbare Ausstattung. Alle Sets sind auf Kino-Niveau, nie hat man das Gefühl in einer TV-Serie zu sein. Natürlich sind die Geschichten viel zu umfangreich für einen Kinofilm. Selbst in der jeweiligen Staffel können nicht alle Handlungsstränge (und es sind viele) aufgegriffen werden. Trotz der Vielfältigkeit verlieren sich die Macher nicht. Die einzelnen Geschichten sind spannend, man fiebert mit, wird immer wieder überrascht. Und sie bleiben im Plot ganz nah an den Büchern.



Auch meine Flimmerfreunde haben sich die Serie angeschaut. Was sie dazu zu sagen haben, hört Ihr hier: Flimmerfreunde besprechen Game of Thrones. Sehr schön, wie Bernd Begemann uns darüber aufklärt, wie sich aus seiner Sicht die Fantasy-Literatur in den letzten Jahren entwickelt hat. Nicht Tolkin oder Howard sind Vorbild, sondern Shakespeare. George R. R.  Martin nimmt die Rosenkriege zum Ausgangspunkt und verlegt diese nach Westeros. Hier gibt es viel über Politik und deren Mechanismen zu sehen. Ständig finden sich Bezüge zu aktuellen Geschehnissen.

Den klassischen Helden sucht man vergeblich. Keiner ist nur gut und ganz wenige nur böse. Fast wie im richtigen Leben. Für mich definitiv ein Grund, warum die Serie so glaubhaft und spannend ist.

Erfreulicher Weise hat sich der Sender HBO die Bücher vorgenommen. Damit ist gesichert, dass die Welt von Eis und Feuer nicht zensiert wird. Viel Blut, üble Foltermethoden, Dreck und Leid werden gezeigt. Das ist manchmal ganz schön ekelig. Als Ausgleich gibt es dann nackte und schöne Haut zu sehen. Frauen wie Männer dürfen sich präsentieren und tun dies auch ausgiebig. Was wir da zu sehen bekommen, hat nur selten mit Liebe zu tun. Oft aber mit dem Rausch. Irgendwie ganz realistisch. Ein weiterer Pluspunkt.


Fazit: Perfekte Serie, die nicht nur für Fantasy-Fans ein Ereignis ist, sondern für alle, die politische Intrigen, Sex und Blut in Geschichten mögen. Kann man getrost schauen, wenn man die Bücher liebt. Es wird dennoch keine Enttäuschung geben.

Meine Lieblingsgeschichte ist übrigens die jenseits der Mauer. Rob Stark in seinem schwarzen Fellmantel, Bran und Hodor auf der Flucht und das Unheil wartet, denn der Winter wird kommen. 

Und hier kann man noch mal nachlesen, wie mir die Bücher gefallen haben: Das Lied von Eis und Feuer.